Melatonin: Arzneimittel

vs. Nahrungsergänzung?

Melatonin bei Kindern mit Autismus – was Eltern wirklich wissen sollten

Melatonin-Produkte sind kaum zu übersehen – sie stehen in Drogerien, liegen an der Supermarktkasse und laufen sogar in TV-Werbung. Sprays, Tropfen, Gummibärchen: Der Markt boomt. Viele Eltern greifen aus Sorge um den Schlaf ihrer Kinder neugierig zu. Schließlich gibt es kaum etwas Belastenderes für eine Familie, als wenn die Nächte unruhig und schlaflos bleiben. Doch so einfach, wie es die Verpackungen vieler Einschlafhilfen versprechen, ist es nicht – insbesondere, wenn es um Kinder geht, ganz gleich, ob mit oder ohne Autismus-Spektrum-Störung.

Inhaltsverzeichnis // Lesedauer: ca. 6:08 min

Was Melatonin ist – und wann es wirklich hilft

Melatonin ist ein Hormon, das der Körper selbst bildet, sobald es dunkel wird. Es sorgt dafür, dass wir müde werden und einschlafen können. Bei Kindern mit Autismus ist dieser Tag-Nacht-Rhythmus manchmal aus dem Takt. In solchen Fällen kann Melatonin als zugelassenes Medikament tatsächlich helfen – und zwar dann, wenn andere Maßnahmen ausgeschöpft sind.1 Diese Medikamente sind geprüft, präzise dosiert und werden nur für bestimmte Diagnosen verschrieben. Wichtig: Sie sind zeitlich begrenzt und gehören immer in ärztliche Begleitung.

Ganz anders sind die Mittel, die frei in Drogerien oder Online-Shops verkauft werden. Sie gelten nicht als Arznei, sondern als Nahrungsergänzungsmittel (NEM) – rechtlich also als Lebensmittel. Für sie gibt es keine Zulassung, keine verpflichtenden Wirksamkeitsnachweise und keine behördliche Prüfung vor dem Verkauf. Für Dosierung und Sicherheit ist allein der Hersteller verantwortlich.2, 3

Arzneimittel oder Nahrungsergänzung – wo der Unterschied liegt

Das Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) bringt es klar auf den Punkt:3 Arzneimittel sollen Krankheiten behandeln oder lindern. Nahrungsergänzungsmittel sind nur dafür gedacht, die Ernährung gesunder Menschen zu ergänzen. Trotzdem ähneln sich viele Produkte – in der Verpackung, im Design, in der Sprache. Das kann leicht in die Irre führen.

Arzneimittel vs. Nahrungsergänzungsmittel3

Merkmal Arzneimittel mit Melatonin Nahrungsergänzungsmittel mit Melatonin (NEM)
Rechtsgrundlage Arzneimittelgesetz (AMG) Lebensmittelrecht (LFGB, NemV)
Zulassung Strenge Prüfung durch Behörden Nur Anzeige beim BVL
Wirkstoffgehalt Exakt festgelegt (max. ± 5 %) Schwankungen bis ± 50 % erlaubt
Wirksamkeitsnachweis Klinische Studien erforderlich Nicht vorgeschrieben
Anwendung Ärztlich überwacht Selbstmedikation ohne ärztliche Kontrolle
Zielgruppe Patienten im Rahmen einer ärztlichen Therapie (Gesunde) Kinder ab 4 Jahren und Erwachsene

Diese Unterschiede sind entscheidend – vor allem, weil viele Nahrungsergänzungsmittel so auftreten, als wären sie Medikamente. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat deshalb 2024 festgelegt: Gesundheitsbezogene Aussagen dürfen nur gemacht werden, wenn sie belegt sind. Für Melatonin sind derzeit nur zwei gesundheitsbezogene Angaben erlaubt:4

  • Ab einer Dosis von 0,5 mg Melatonin: „Melatonin trägt zur Linderung der subjektiven Jetlag-Empfindung bei.“
  • Ab 1 mg: „Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen“.

Der nachgewiesene Effekt fällt allerdings je nach Zielgruppe unterschiedlich aus. In Studien mit Erwachsenen mit sogenannter „primärer Insomnie“ verkürzte sich die Einschlafzeit im Schnitt nur um etwa sieben Minuten – also eher gering.5 Bei Kindern mit Autismus hingegen zeigen klinische Studien, dass Melatonin als zugelassenes Arzneimittel die Einschlafzeit deutlich verkürzen und die Schlafqualität verbessern kann1 – vorausgesetzt, die Anwendung erfolgt ärztlich kontrolliert.

Wenn die Dosis schwankt – Qualitätsprobleme bei Melatonin-Nahrungsergänzungsmitteln

Ein zentrales Problem frei verkäuflicher Produkte sind stark schwankende Wirkstoffmengen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2017 analysierte 31 Melatonin-Produkte aus den USA und Kanada: Bei über 70 % stimmte der tatsächliche Gehalt nicht mit der Angabe überein. Einige enthielten bis zu 478 % mehr, andere 83 % weniger Melatonin als deklariert. Selbst zwischen verschiedenen Chargen derselben Marke wurden Abweichungen bis 465 % gemessen.⁶

Wie greifbar das wird, zeigte auch Stiftung Warentest bei Kinderprodukten: Ein Präparat enthielt statt der angegebenen 0,5 mg ganze 1,15 mg Melatonin – das entspricht +130 %.⁹ Zum Vergleich: Bei Arzneimitteln sind Abweichungen von höchstens ± 5 % erlaubt³.

Nach Bekanntwerden solcher Qualitätsprobleme reagierte Kanada und verbot den freien Verkauf von Melatonin-Produkten⁷. Auch in Dänemark und Großbritannien ist Melatonin nur noch als verschreibungspflichtiges Medikament erhältlich.

Fachleute raten zudem, melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel nicht aus dem Ausland zu beziehen. Importprodukte sind oft anders gekennzeichnet oder entziehen sich der hiesigen Kontrolle. Außerdem sollten Melatonin-Produkte grundsätzlich außer Reichweite von Kindern aufbewahrt werden, um eine versehentliche Einnahme zu verhindern.¹²

Grafik: Gesetzliche Obergrenze für zugelassene Arzneimittel vs. frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel

Melatonin-Nebenwirkungen – was bisher bekannt ist8

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat den Boom melatoninhaltiger Nahrungsergänzungsmittel aufmerksam verfolgt und warnt vor gesundheitlichen Risiken bei unkontrollierter Einnahme.⁸ Mögliche Nebenwirkungen sind unter anderem:

  • Schläfrigkeit und Benommenheit am nächsten Tag
  • Kopfschmerzen, Schwindel, Blutdruckabfall
  • Albträume, verminderte Aufmerksamkeit, Gangunsicherheit
  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Noch ist wenig über Langzeitfolgen bekannt. Fachleute vermuten mögliche Effekte auf den Hormonhaushalt, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Gerade bei Überdosierungen können solche Beschwerden wahrscheinlicher oder stärker auftreten – und genau dieses Risiko ist bei Nahrungsergänzungsmitteln schwer kalkulierbar, wenn Produkte statt der angegebenen Menge plötzlich +130 % mehr Wirkstoff enthalten.⁹

Bei zugelassenen Melatonin-Arzneimitteln ist das anders: Auch sie können Nebenwirkungen haben, diese werden jedoch in der ärztlichen Behandlung erwartet, erklärt und eng begleitet.

Überdosierung: Wenn „eine Portion“ plötzlich viel mehr ist als gedacht9

Überdosierung entsteht bei Melatonin-NEM nicht nur durch „zu viel genommen“. Manchmal steckt bereits in einem einzelnen Produkt deutlich mehr Wirkstoff als angegeben. Stiftung Warentest fand bei einem Kinderpräparat 1,15 mg statt 0,5 mg Melatonin – also +130 %.⁹

Hinzu kommt: Beim Produkt Wick ZzzQuil Gute Nacht Kids wird sogar empfohlen, bei Bedarf zwei Drops zu geben. Liegt der tatsächliche Gehalt ohnehin höher, steigt das Risiko unbeabsichtigter Überdosierung weiter.⁹

Wenn Gummibärchen zur Gefahr werden

Inzwischen tauchen immer mehr Melatonin-Produkte in Gummibärchenform auf – fruchtig, süß, leicht mit Süßigkeiten zu verwechseln. Stiftung Warentest untersuchte 2025 vier solcher Kinderpräparate.9 Das Ergebnis: Keines war empfehlenswert. Manche enthielten doppelt so viel Melatonin wie angegeben, andere zu viel Vitamin B6. Doppelt riskant, da Vitamin B6 laut BfR bei längerer Einnahme in sehr hohen Mengen zu neurologischen Störungen führen kann.9

Erschwerend kommt hinzu: Bei mehreren Produkten fehlte ein kindersicherer Verschluss.⁹ In den USA stiegen die Fälle von Melatonin-Vergiftungen bei Kindern zwischen 2012 und 2021 um 530 % – betroffen waren vor allem Kinder unter fünf Jahren.⁷ Auch in Deutschland wurden bereits entsprechende Fälle gemeldet¹⁰. Die Zahlen zeigen deutlich: Diese Produkte sind nicht harmlos.

Wenn Schlafprobleme die eigentliche Ursache verdecken1, 8, 10

Schlafprobleme sind nicht immer ein isoliertes Problem – manchmal stecken bisher nicht erkannte Ursachen oder Grunderkrankungen dahinter. Gerade bei Kindern, auch im Autismus-Spektrum, können viele Faktoren eine Rolle spielen: Ängste, neurologische Besonderheiten, Schmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden.

Wird dann vorschnell zu frei verkäuflichem Melatonin gegriffen, kann das die eigentliche Ursache überdecken. So wirkt das Problem scheinbar gelöst, obwohl die Grunderkrankung unerkannt bleibt. Ärztinnen und Ärzte raten daher, anhaltende Schlafprobleme stets medizinisch abklären zu lassen – bevor eine Behandlung beginnt. Nur so kann sichergestellt werden, dass nicht nur besser geschlafen, sondern auch richtig geholfen wird.

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In den letzten Jahren zunehmend kritisch bewertet

Mehrere Institutionen haben sich intensiv mit melatoninhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln beschäftigt:

  • Das BfR rät insbesondere Kindern, Jugendlichen, Schwangeren, Stillenden und Menschen mit Vorerkrankungen von einer eigenständigen Einnahme ab.⁸
  • Stiftung Warentest fand 2025 kein empfehlenswertes Kinderprodukt; einzelne lagen bei +130 % über der Angabe.⁹
  • ÖKO-TEST bewertete 2025 16 von 19 Melatonin-Sprays als „mangelhaft“ oder „ungenügend“.¹¹

Die Quintessenz: Große Werbeversprechen treffen auf eine schwache wissenschaftliche Basis.

Was Eltern stattdessen tun können

Wenn ein Kind – autistisch oder nicht – schlecht schläft, helfen oft schon einfache Schritte. Wichtig ist, erst an den Ursachen zu arbeiten, bevor zu Präparaten gegriffen wird. Verschiedene Maßnahmen können helfen, die Schlafqualität als auch den Einschlafprozess zu verbessern:

  • feste Rituale und klare Abläufe
  • reizarme Schlafumgebung
  • gezielte Hilfsmittel wie Gewichtdecken oder beruhigende Musik
  • visuelle Ablaufpläne
  • ein Schlaftagebuch zur besseren Einschätzung

Bleiben die Probleme bestehen, ist eine fachärztliche Abklärung sinnvoll. Dort kann auch geprüft werden, ob eine zugelassene Melatonin-Therapie überhaupt infrage kommt.

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Ein ruhigerer Schlaf beginnt mit Wissen

Melatonin kann hilfreich sein – wenn es richtig eingesetzt wird. Frei verkäufliche Produkte sind keine geprüften Medikamente. Sie sind oft unzuverlässig dosiert, teils deutlich überdosiert (bis +130 %) und für Kinder nicht geeignet.

Der sicherere Weg führt über ärztliche Abklärung und Behandlung, Geduld und eine schlaffördernde Umgebung – nicht über das Gummibärchen aus der Drogerie.

  1. Grigg-Damberger, M., & Ralls, F. (2013). Treatment strategies for complex behavioral insomnia in children with neurodevelopmental disorders. Current Opinion in Pulmonary Medicine, 19(6), 616–625. https://doi.org/10.1097/MCP.0b013e328365ab89
  2. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. (o. J.). Nahrungsergänzungsmittel [Webseite]. Abgerufen am 23. Oktober 2025, von https://www.bvl.bund.de/DE/Arbeitsbereiche/01_Lebensmittel/04_AntragstellerUnternehmen/03-NEM/lm_nahrungsErgMittel_node.html
  3. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. (o. J.). Nahrungsergänzungsmittel vs. Arzneimittel [Webseite]. Abgerufen am 23. Oktober 2025, von LINK
  4. PTAheute-Onlineredaktion. (2025, 13. Mai). Nahrungsergänzungsmittel: EuGH schränkt Werbung ein [Webseite]. Abgerufen am 23. Oktober 2025, von https://www.ptaheute.de/aktuelles/2025/05/13/nahrungsergaenzungsmittel-eugh-schraenkt-werbung-ein
  5. Ferracioli-Oda, E., Qawasmi, A., & Bloch, M. H. (2013). Meta-analysis: Melatonin for the treatment of primary sleep disorders. PLoS ONE, 8(5), e63773. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0063773
  6. Erland, L. A., & Saxena, P. K. (2017). Melatonin natural health products and supplements: Presence of serotonin and significant variability of melatonin content. Journal of Clinical Sleep Medicine, 13(2), 275–281. https://doi.org/10.5664/jcsm.6462
  7. Lelak, K., Vohra, V., Neuman, M. I., Toce, M. S., & Sethuraman, U. (2022, 3. Juni). Pediatric melatonin ingestions — United States, 2012–2021. Centers for Disease Control and Prevention. Abgerufen am 23. Oktober 2025, von https://www.cdc.gov/mmwr/volumes/71/wr/mm7122a1.htm
  8. Bundesinstitut für Risikobewertung. (2024, 17. September). Melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel: BfR weist auf mögliche Gesundheitsrisiken hin (Stellungnahme 42/2024). https://doi.org/10.17590/20240917-100539-0
  9. Stiftung Warentest. (2025, 18. Juni). Test Melatonin-Mittel für Kinder: Böse Betthupferl [PDF-Artikel]. Text: Dennis Stieler; Projektleitung: Tim Quinders. Abgerufen am 23. Oktober 2025 von der Benutzerdatei Test Melatonin-Mittel für Kinder – Böse Betthupferl (Stiftung Warentest).
  10. Bundesinstitut für Risikobewertung. (2024, 8. August). Melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel: BfR weist auf mögliche Gesundheitsrisiken hin (Stellungnahme Nr. 038/2024) [PDF]. Abgerufen am 23. Oktober 2025, von https://www.bfr.bund.de/cm/343/melatoninhaltige-nahrungsergaenzungsmittel-bfr-weist-auf-moegliche-gesundheitsrisiken-hin.pdf
  11. ÖKO-TEST Verlag GmbH & Co. KG. (2025, 25. September). Test: Melatonin-Spray [Webseite]. Abgerufen am 23. Oktober 2025, von https://shop.oekotest.de/te15753/
  12. Deutsche Apotheker Zeitung. (2023, 31. Juli). Mehr Melatonin als draufsteht [Webseite]. Abgerufen am 08. Januar 2026, von https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2023/07/31/mehr-melatonin-drin-als-draufsteht

Weiterführende Informationen

Weitere Infos zu Autismus-Spektrum-Störungen

Hilfe bei Schlafproblemen

Zuletzt aktualisiert am 09.01.2026