Melatonin bei Schlafstörungen
Melatonin bei Autismus und Schlafstörungen
Was hilft gegen Schlafprobleme bei Heranwachsenden und Kindern mit Autismus? Melatonin ist als Arzneimittel zur Therapie von Schlafstörungen zugelassen. Studien zeigen, dass das Hormon den Schlaf bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) deutlich verbessern kann.1 Eine gute Nachricht – denn der Großteil der Menschen mit ASS leidet an Schlafproblemen. Wichtig bei der Behandlung ist: Präparate mit Melatonin sollten nach ärztlicher Anordnung und unter medizinischer Aufsicht eingenommen werden. Denn nur Präparate, die die hohen Standards der Arzneimittelverordnung erfüllen, haben eine geprüfte Sicherheit und Wirksamkeit.
Inhaltsverzeichnis // Lesedauer: ca. 3:40 min
Tag und Nacht: Verlauf der Melatoninproduktion
Die Melatoninproduktion im Gehirn hängt mit Licht zusammen: Sobald am Abend weniger Licht auf die Netzhaut des Auges fällt – und das Gehirn somit registriert, dass es dunkel wird – fährt die Melatoninproduktion hoch. Im Gegenzug befindet sich die Produktion von Cortisol – einem hormonellen Gegenspieler des Melatonins, der belebend und aktivierend wirkt – auf einem Minimum. Die Cortisolproduktion wird dann in den Morgenstunden vor dem Aufwachen wieder gesteigert, während der Melatoninspiegel zu dieser Zeit absinkt.

Melatonin und Autismus: Hintergrund der Schlafprobleme?
Verschiedene Studien zeigen, dass die Produktion von Melatonin bei Autismus untypisch sein kann. So wurden bei Kindern und auch Erwachsenen mit Autismus-Spektrum-Störung teilweise sehr niedrige Melatoninspiegel sowie ein Fehlen des typischen abendlichen Anstiegs festgestellt. Auch zeigte sich bei Autistinnen und Autisten ein Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und einem niedrigen Melatoninspiegel. Am stärksten ausgeprägt war das Melatonindefizit bei schweren Autismusformen.1
Die Wissenschaft ist den Hintergründen des niedrigen Spiegels an Melatonin bei Autismus auf der Spur. Sehr wahrscheinlich spielen Änderungen in bestimmten Genen und Proteinen eine Rolle, was unter anderem dazu führt, dass weniger Melatonin aus seiner Vorstufe, dem Serotonin, gebildet wird. Bei den Betroffenen ist die Melatoninproduktion somit stark eingeschränkt.2, 3
Therapie mit Melatonin bei Kindern mit Autismus
Schlafstörungen können bei Menschen mit Autismus verschiedene Ursachen haben. Wenn Verhaltenstherapie und Maßnahmen der Schlafhygiene den Schlaf bei autistischen Kindern und Jugendlichen nicht ausreichend verbessern, kann die Behandlung mit Melatonin ratsam sein.
So empfehlen auch verschiedene medizinische Fachgesellschaften den Einsatz von Melatonin. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie gibt in ihrer Behandlungsleitlinie beispielsweise die fachliche Stellungnahme wieder, dass „der Einsatz von Melatonin zur Behandlung von Schlafproblemen bei Kindern mit ASS sinnvoll sein kann und mit geringen bis keinen unerwünschten Wirkungen verbunden ist“.5
Was bewirkt Melatonin?
Verschiedene Studien bestätigen die Wirksamkeit von Melatonin bei Kindern und Jugendlichen mit ASS. Untersucht wurde hierbei die Gabe von retardiertem Melatonin – ‚retardiert‘ bedeutet, dass der Wirkstoff nach der Einnahme langsam und über einen längeren Zeitraum freigegeben wird. So wird die physiologische Melatoninausschüttung über Nacht imitiert.
Die Studien mit retardiertem Melatonin bei Kindern mit Autismus zeigen:1, 6
Gummibärchen mit Melatonin: Wie sicher sind die rezeptfreien Einschlafhilfen?
Wenn das eigene Kind nachts nicht zur Ruhe kommt, ist die Erschöpfung bei Eltern oft groß. Auf der Suche nach Entlastung rücken dann häufig freiverkäufliche Melatonin-Präparate aus der Drogerie oder dem Internet ins Blickfeld. Was auf den ersten Blick wie eine schnelle und harmlose Hilfe wirkt, wird von Experten jedoch sehr kritisch gesehen. Der Grund hierfür ist, dass die freiverkäuflichen Melatonin-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich sind. Im Gegensatz hierzu müssen Arzneimittel strenge Anforderungen hinsichtlich ihrer Sicherheit und Wirksamkeit erfüllen und werden regelmäßig kontrolliert.
Behörden und Ärzte warnen eindringlich:
So schreibt etwa die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (2018), dass Nahrungsergänzungsmittel mit Melatonin „nicht der Kontrolle der Arzneimittelsicherheit, z. B. in Bezug auf die Melatoninmenge je Tablette“ unterliegen.7 Aus diesem Grund ist es ratsam, bei diesen Präparaten stets auf geprüfte Arzneimittel zu setzen. Weitere Informationen dazu finden Sie auch in unserem Blog-Beitrag „Melatonin: Nebenwirkungen und Vergiftungen möglich?“ .
Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wies am 08.08.2024 auf mögliche Gesundheitsrisiken melatoninhaltiger Nahrungsergänzungsmittel (NEM) hin:8
„Mit der Aufnahme melatoninhaltiger NEM können unerwünschte gesundheitliche Effekte verbunden sein. Nach einer Bewertung der vorhandenen wissenschaftlichen Daten rät das BfR insbesondere Schwangeren, Stillenden, Kindern, Jugendlichen oder Personen mit bestimmten Vorerkrankungen von der eigenständigen, unkontrollierten Verwendung melatoninhaltiger NEM ab.“
In einer aktuellen Stellungnahme (2026) warnt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)9 vor Melatonin-Nahrungsergänzungsmitteln, die in einer rechtlichen Grauzone als vermeintlich harmlose Süßigkeiten wie Gummibärchen verkauft werden. Die Experten fordern den Gesetzgeber auf, den Verkauf von Melatonin streng zu regulieren und derartige Produkte zu verbieten. Melatonin soll bei Kindern ausschließlich unter ärztlicher Kontrolle und bei klaren Indikationen eingesetzt werden. Sie warnen konkret vor den gefährlichen Überdosierungen, denn Daten aus den USA zeigen einen besorgniserregenden Anstieg an Notfällen durch stark überdosierte NEM, die teilweise 300 % der deklarierten Melatonin-Menge enthielten.
Produkttests in Deutschland bestätigen die Gefahr:
Stiftung Warentest (Ausgabe 7/2025)10: Es wurden vier speziell für Kinder konzipierte Melatonin-Präparate untersucht. Die Tester warnten vor allen Produkten. Laboranalysen zeigten, dass einige Produkte stark überdosiert waren – in einem Fall war sogar mehr als die doppelte Menge Melatonin enthalten als deklariert. Zudem sahen die Präparate aus wie Fruchtgummis, besaßen oft keinen Sicherheitsverschluss und enthielten teils riskant hohe Mengen an Vitamin B6 (was bei Dauerbelastung das Nervensystem stören kann).
ÖKO-TEST (Jahrbuch 2026)11: Ein ähnliches Bild zeigte sich hier. Von 19 getesteten Melatonin-Sprays fielen 16 mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ durch. Bei über der Hälfte gab es Abweichungen des Melatoningehalts im zweistelligen Prozentbereich.
Bei anhaltenden Schlafproblemen sollte, statt zu Nahrungsergänzungsmitteln zu greifen, besser ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden.


